Das Alwis-Lied

Das Alwis-Lied (Alvíssmál) entstammt der Lieder-Edda und ist 36 Stophen lang. Es gibt nur zwei handelnde Personen in dem Lied, das in erster Linie einen rhetorischen Wettstreit zwischen den beiden Kontrahenten beschreibt: dem Donnergott Thor, Sohn des Göttervaters Odins und mächtiger Ase der nordischen Mythologie, sowie dessen Widersacher, dem Zwerg Alwis ("der Allweise" oder "der Allwissende").

... und sein Inhalt

Alwis hat den Göttern hochwertige Waffen geschmiedet. Obwohl Thor gerade nicht anwesend ist, versprechen die Götter dem Zwerg zum Dank dessen Tochter Thrud zur Frau. Als der Donnergott heimkehrt und von Alwis erfährt, was die Götter ohne sein Einverständnis ausgeheckt haben, wird er zornig. Er weigert sich, Alwis seine Tochter Thrud als Braut mit nach Schwarzalbenheim zu geben, wo die Zwerge leben. Doch Alwis pocht auf seine Abmachung mit den Göttern und damit darauf, Thrud zu heiraten.

Thor schlägt Alwis eine Wette vor: Wenn er, Alwis, seine folgenden Wissensfragen zu seiner Zufriedenheit beantworten könne, dann dürfe er auch seine Tochter zur Frau nehmen. Der Donnergott verlangt von Alwis, die Bezeichnungen für Begriffe wie die Erde, den Himmel, den Mond und andere zu nennen, und zwar in den Sprachen der Menschen, der Götter, der Elben (Elfen und/oder Zwerge), der Riesen und der Toten der Unterwelt (s. Anmerkungen).Alwis wird durch die Sonne versteinert

Listig stellt Thor ihm nun so lange Fragen, bis der Morgen anbricht und Alwis vom ersten Sonnenstrahl erfasst, zu Stein verwandelt wird und stirbt.


Das Alwis-Lied in "Alwis der Zwerg"

Das Schicksal des Alwis ist in der ursprünglichen Vorlage klar besiegelt: Für immer bleibt der Zwerg von Thor in Stein gebannt - ein Happy End sucht der Leser vergebens.

Diese tragische und lehrreiche ("Hochmut kommt vor dem Fall") Ausgangssituation reizte mich, und ich überlegte, wie ich sie für den Zwerg und damit für die lesenden Kinder wieder positiv auflösen könnte. Wie in dem bereits vorgestellten Interview mit dem Schwarzer Drachen Verlag ausgeführt, spann ich die im Alwis-Lied angedeutete Vorgeschichte weiter aus, nahm zusätzlich wichtige Figuren wie das Zwergenmädchen Lioba und den Götterboten Hermodur hinzu, bettete das eigentliche Alwis-Lied in die Mitte, und brachte die Geschichte zu einem glücklichen Ende - und zu der für den Zwerg zentralen Einsicht, dass "schlau sein (im Sinne von purem Wissen) allein im Leben nicht alles ist", sondern letztlich die Liebe zählt:

... Während der Zwerg in der Vorlage an seiner eigenen Allwissenheit scheitert, bekommt er in der vorliegenden Erzählung die Chance, sich zu ändern - mit List und Tücke ebenso wie mit der alles umfassenden Macht und Magie der Liebe.  (Aus dem Klappentext)

Das Alwis-Lied, das in Wesentlichen aus dem Frage- und Antwort-Spiel zwischen dem Donnergott Thor und dem allwissenden Zwerg besteht, habe ich dabei so verständlich wie möglich nacherzählt. Dazu nutzte ich verschiedene Übersetzungen des Alwis-Liedes und übernahm aus diesen die heute für uns eindeutigsten Begriffe - den "Alwis-Lied-Test" hat das Buch bei den Kindern schon erstaunlich gut bestanden!


Anmerkungen

Zum Namen Alwis:

Im Original wird der Name "Alwis" mit zwei "s" geschrieben, also "Alwiss", ebenso wie das Lied "Alwiss-Lied" geschrieben wird. Der besseren Lesbarkeit wegen habe ich mich für die moderne Variante des Jungennamen Alwis entschieden (wie sein Vorläufer zusammengesetzt aus den althochdeutschen Begriffen al (ganz und gar) und wîsi (weise, wissend).

Zu den Göttern, Alben und dem Todesreich: 

In meiner Version des Alwis-Liedes sind mit den Göttern (wie im Original) die Asen und Wanen (Göttergeschlechter der nord. Mythologie) gemeint, die Alben (Elben) werden in Lichtalben (Elfen) und Schwarzalben (Zwerge) unterschieden. Mit der Unterwelt ist das Todesreich der Göttin Hel gemeint, das wie sie Hel oder Helheim genannt wird.

Und noch ein kleiner wissenschaftlicher Ausflug zum Alwis-Lied:

"Der phantasievolle, mythologisierende Handlungsrahmen des Alwissliedes birgt im Hauptteil eine Art der Wissensdichtung, wie sie mit dem Wafthrudnirlied und dem Grimnirlied bekannt war. Insbesondere das Erstere scheint sich der Dichter zum Vorbild genommen zu haben. Ihm geht es jedoch weniger um mythologisches Material als um Synonyme. Derartige Namensverzeichnisse gehörten zur Grundausstattung der Skaldenpoetik und sind deshalb eher ein Zeugnis dichterischen als mythologischen Interesses. Der Dichter hat vermutlich im 12. Jahrhundert seine Namenslisten unterhaltsam verpackt. Der Wettstreit um Thors Tochter, die sonst nicht erwähnt wird, dürfte mehr als Rezeption und Neugestaltung altnordischer Mythologie gesehen werden, denn als Zeugnis authentischer Mythen." (Die Forschung nimmt also an, dass die Freiersage wahrscheinlich eine Erfindung des Dichters vom Alvíssmál selbst ist.)

Aus: Die Götterlieder der Älteren Edda, übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Arnulf Krause, Philipp Reclam jun. Stuttgart (S. 166)