Die Edda

Wenn von "der" Edda die Rede ist, sind eigentlich zwei verschiedene, in altisländischer Sprache verfasste Werke gemeint: Einmal die Lieder-Edda, auch Ältere Edda genannt, und die Edda des Snorri Sturluson, auch Snorra-Edda oder Prosa-Edda genannt. Beide Bücher wurden im 13. Jahrhundert im christianisierten Island verfasst und haben skandinavische Götter- und Heldensagen aus der nordischen Mythologie zum Thema.


Die Lieder-Edda

Die Lieder-Edda, in der auch das Alwis-Lied erscheint, erhielt erst im späten Mittelalter ihren Namen, gilt heute aber als die bekanntere Edda. Das Werk wurde um 1270 auf Island wahrscheinlich von mehrern Dichtern verfasst und beeinhaltet eine Sammlung von 40 Liedern unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Themen (Götter- und Heldenlieder). Im Unterschied zur Snorra-Edda überliefert die Lieder-Edda ganze Lieder und verbindet nur wenige Texte durch Inhaltsangaben in Prosa. Als ältester und wichtigster Textzeuge der Lieder-Edda gilt der vermutlich ebenfalls um 1270 niedergeschriebene Codex Regius, eine altnordische Pergament-Handschrift, die die zentrale Version der Lieder-Edda enthält. Wie alt die Lieder im einzelnen tatsächlich sind, ist bis heute umstritten - naturgemäß gingen der schriftlichen Aufzeichnung Jahrhunderte mündlicher Überlieferung voran. In ihrer vorliegenden Form dürften sie zwischen 800 und 1000 auf Island, in Norwegen oder den norwegischen Kolonien auf den britischen Inseln und Grönland entstanden sein. Die einzelnen Verfasser sind ebenfalls unbekannt, einige Lieder im Codex Regius geben Gottheiten als Verfasser an.

Allgemein wird die Lieder-Edda heute als ein wichtiges Zeugnis heidnischer Tradition angesehen, da die Darstellung der Götter weder zum Christentum noch zu deren Moral in Verbindung steht. Auch Snorri Sturluson verstand seine Überlieferung als heidnisch und damit als Lektüre für Christen für nicht ganz ungefährlich.

Die Götterlieder

Einige Götterlieder sind wie das Alwis-Lied als Wissensdichtung angelegt, d.h. in ihnen wurde in konzentrierter Form möglichst viel Wissen vermittelt - um bei dem Alwis-Lied zu bleiben, ging es hier vermutlich vorrangig um die Vermittlung von Namensbezeichnungen. Diese wurden damals von den Dichtern auswendig gelernt, um sie später weitergeben zu können. Wie beim Alwis-Lied haben die meisten Wissensgedichte dabei die Form eines Dialoges. Ein wichtiges Element der Götterlieder bildet außerdem die Spruchdichtung, in der mythologische Lebensweisheiten und Verhaltensregeln vermittelt werden. Hierbei behandelt die Völuspá (der Seherin Weissagung) die Vorzeit (Weltentstehung) und die Endzeit der Welt (Weltuntergang und Neuentstehung), die folgenden Lieder haben immer genauere Inhalte, die zum Beispiel auch von den Zwergen handeln, die noch vor den ersten Menschen Ask (Askr) und Embla erschaffen wurden. Die sieben Strophen der Völuspá (10–16), in der etwa siebzig Zwergennamen aneinandergereiht sind, nennt man innerhalb der Lieder-Edda Dvergatal (altnordisch für "Zwergenzählung").

Die Heldenlieder

In den Heldenliedern der Lieder-Edda erscheinen die verschiedenen germanischen Helden häufig so, als hätten sie auf dem europäischen Festland zur Zeit der Völkerwanderung gelebt: so entspricht zum Beispiel Atli dem Hunnenkönig Attila oder Gunnar Gundahar, dem König der Burgunden. Damit kommt es zwangsläufig zu größeren inhaltlichen Überschneidungen mit kontinentalen Heldendichtungen wie dem Nibelungenlied. Allgemein jedoch werden die Versionen einiger Eddalieder eher als ursprünglich angesehen. Dazu passt, dass auch die Charaktere in einigen Eddaliedern archaischer dargestellt werden, während im Nibelungenlied ein höfischer Gestus vorherrscht. Auch die Namen der Charaktere in der Edda sind anders als die vertrauten Namen des Nibelungenlieds. Für alle Lieder des Heldenzyklus typisch sind aber das pessimistische Weltbild, verbunden mit seinen immer wiederkehrenden Motiven von Tapferkeit, Tod, Mord und Rache - berichtet wird über den Tod von nicht weniger als 36 Protagonisten.


Die Snorra-Edda

Mit der Edda war anfänglich nur das Werk des Isländers Snorri Sturluson gemeint, das dieser um 1220 für den norwegischen König Hákon Hákonarson und den Jarl Skúli niederschrieb. Snorri, der 1179 als Spross einer mächtigen Familie geboren wurde, war nicht nur Dichter, sondern auch Historiker und einflussreicher Politiker. Im Jahr 1241 ließ ihn der norwegische König ermorden, weil er Snorri in einen Aufstand gegen sich verwickelt glaubte.

Die Snorra-Edda ist ein Lehrbuch für Skalden (altnordische Bezeichnung für „Dichter“), das alte mythologische Lieder und Heldenlieder in Prosa nacherzählt und zusätzlich einzelne Strophen und Strophenfolgen aufführt. In seinem ersten Teil, der Gylfaginning („Täuschung des Gylfi“), wird die nordische Götterwelt ausführlich dargestellt, indem König Gylfi die Götter nach kosmischen Dingen befragt. Am Ende erscheint Gylfis Gespräch mit den Göttern dann als Sinnestäuschung. Der zweite Teil, die Skáldskaparmál („Lehre von der Dichtung“, wörtlich „Skaldschaft“), beinhaltet einen Lehraufsatz für die Skalden, also die Berufsdichter. Er bezieht sich dabei auch auf Lieder, die Teil der Lieder-Edda sind. Teilweise weicht Snorris Version aber von den Liedern der älteren Edda ab, etwa im Hymirlied, das von Thors Begegnung mit der Midgardschlange berichtet. Im letzten dritten Teil erscheint dann das Háttatal („Strophenverzeichnis“), das für jede Strophenform eine Beispielstrophe bringt. In diesen von Snorri selbst gedichteten Strophen werden König Hákon und Jarl (‚Herzog‘) Skuli gemeinsam gepriesen.

Wie in der Lieder-Edda, so ist auch eine der Handschriften der Snorra-Edda als Codex Regius bekannt - diesesum 1325 entstandene Manuskript ist das zweitälteste der drei vollständigen Pergamenthandschriften und stellt die Grundlage für die meisten modernen Übersetzungen und Editionen der Snorra-Edda dar.