Die Entstehung der Zwerge

Die Zwerge (ahd. Zwerc, nord. Dvergr; Twarg) haben ihren Ursprung in der nordischen Mythologie und damit in einem Glauben, der weit älter sein dürfte als die ersten schriftlichen Aufzeichungen der beiden Eddas aus dem 13. Jahrhundert. Auch in einigen ebenfalls altnordischen Isländersagas werden die Zwerge erwähnt. In der Lieder-Edda ist es besonders das Dvergatal (altnordisch für "Zwergenzählung"), das Auskunft über die Zwerge gibt. Es besteht aus sieben Strophen der Völuspá (10–16), in der etwa siebzig Zwergennamen aneinandergereiht sind.

Im Dvergatal wird die Entstehung der Zwerge noch vor der der Menschen beschrieben. In der Völuspá der Lieder-Edda entstehen die Zwerge aus dem Blut des Riesen Brimir (Ymir) und den Knochen des Bláin. Gemeint ist dabei wohl Ymir, den die Asen erschlagen hatten und aus dessen Körper dann die Erde und das Himmelsgewölbe erschaffen wurden - und aus dessen Fleisch die Zwerge "entsprangen": zuerst Motsognir, dann Durinn, von dem zahlreiche menschenähnliche Dvergr abstammen. In der Snorra-Edda heißt es, dass die Zwerge Maden im Fleisch des Urriesen Ymir waren, die dann von den Göttern mit Verstand ausgestattet wurden. Im Gylfaginning setzt Snorri Sturluson die Zwerge außerdem mit einer Untergruppe der Alben (Elfen), nämlich den Schwarzalben (altisländisch svartálfar), gleich. Die andere Untergruppe der Alben sind die Lichtalben (Weißalben). Allerdings war mit dieser Aufteilung zuächst keine Auf- oder Abwertung verbunden (schlechte Schwarzalben, gute Weißalben), sondern Snorri beschreibt hier nur die Zuständigkeitsbereiche dieser Wesen. Die Zwerge wohnen in Schwarzalbenheim, das sich ebenfalls nur bei Snorri findet und vermutlich seine eigene Erfindung ist.

... ihre Welt

In der nordischen Mythologie sind die Zwerge kleinwüchsige, menschenähnliche Wesen, die im Erdinneren, unter den Bergen und Felsen sowie in Erdhöhlen wohnen - dies berichten auch die skaldischen Kenningar (poetische Umschreibungen einfacher Begriffe wie „Lindwurmlager“ für Gold) aus dem 11. und 12. Jahrhundert und die Sagen des 13. und 14. Jahrhunderts.
Nach den alten Erzählungen schmücken die Zwerge gerne ihre Höhlen und schaffen dabei unglaubliche unterirdische Säle (z. B. Nidawellir). Sie beleuchten die Goldadern in den Bergen und lassen diese sich in den Höhlenseen widerspiegeln. Ihr Interesse für Schmuck und die ständige Jagd nach Edelmetallen hat sie zu tüchtigen Schmieden werden lassen. Dabei statten sie nicht nur die Menschen und die Elfen mit allerhand kostbaren Waffen und Werkzeug aus, sondern schmieden sogar für die Götter selbst die kostbarsten Kleinode: So erhielt Odin von den Zwergen seinen Speer Gungnir und Heimdall seinen Goldring Draupnir. Thor bekam seinen Hammer Mjöllnir, für Freyr schufen die Zwerge ihr Schiff Skíðblaðnir, für Sif das goldene Haar, und für Freya das Halsband Brísingamen. Für den Fenriswolf schufen sie die Fessel Gleipnir und den Eber Hildisvíni.
In ihrer Eigenschaft als Meisterschmiede treten die Zwerge in vielen Sagen des Altertums auf. In der Völsungasage schmiedet Andvari den Ring Andvaranaut und sein Sohn Regin schmiedet für Sigurt Fafnesbani zusammen mit dem Schwert Gram. In der Hervorssage schmieden die Zwerge Dulin (oder Durin) und Dvalin das Schwert Tyrfing.
Wie im Alwis-Lied beschrieben, meiden die Zwerge das Tageslicht, da sie den Strahl der Sonne nicht vertragen. Die Sonne heißt bei ihnen "Dwalins Zwang", da ihr Strahl die Dvergr zu Stein werden läßt. Der Zwerg Dwalin ist dabei einer der alten Anführer der Zwerge.
Aus dem alten Glauben heraus soll bis heute manch markanter Fels ehemals ein Zwerg gewesen sein. So gelten die Zwillingsgipfel von Trold Tindterne als zwei "Gruppen miteinander kämpfender Zwerge, die vergaßen, sich rechtzeitig vor Sonnenaufgang zurückzuziehen" (Cotterell 1999, S. 187).

... und ihre Eigenschaften

Die zahlreichen Zwergennamen aus dem Dvergatal der Lieder-Edda beschreiben häufig Eigenschaften und Orte, die man im frühen Mittelalter mit dem Zwergenvolk in Verbindung brachte. Dazu zählen ihre Kunstfertigkeit als Schmiede und Handwerker, spezielle Merkmale ihrer Lebensform, ihre Weisheit, ihre Kampfbereitschaft, ihre Geselligkeit, ihre Tapferkeit und ihr Ruhm. Manche von ihnen verfügen sogar über Zauberkräfte oder haben die Fähigkeit, sich mit Hilfe eines magischen Huts (Zwergenhut oder huliðshjálmr) oder Mantels unsichtbar zu machen. Außerdem gelten die Zwerge als die besonderen Hüter von Schätzen. Allgemein nahmen die Menschen damals an, dass die Zwerge die geheimnisvollen Naturkräfte im Inneren der Erde repräsentieren, sodass ihnen häufig übermenschliche Kraft und Macht nachgesagt wurde.
In ihren negativen Eigenschaften werden die Zwerge in ihren Namen auch als leicht erregbar, stur, streitlustig, furchtsam und sogar diebisch und betrügerisch geschildert. Dazu passt auch, dass sie teils als kleine, hässliche Wesen mit langen Nasen und Bart sowie schmutzig brauner Hautfarbe beschrieben werden. Als böse Zwerge der nordischen Mythologie gelten etwa Fjalar und Galar, die den weisen Menschen Kvasir, der ursprünglich aus dem Speichel der Asen und Wanen hervorging (ein Versöhnungsakt), getötet haben, um an dessen Weisheit zu gelangen. Aus seinem Blut brauten sie zusammen mit Honig vermischt den „Met der Dichter“, auch „Kvasirs Blut“ genannt, der jedem, der davon trank, die Gabe der Dichtkunst verlieh.

Manche Zwergennamen der Lieder-Edda deuten aber auch auf Eigenschaften hin, die uns nicht vertraut sind und in denen die Zwerge ganz besondere Aufgaben haben. So tragen die Zwerge Nordri und Sudri, Austri und Westri an den Enden der vier Himmelsrichtungen mirs Schädeldecke, den Himmel. Manche Zwerge stellen auch die Mondphasen dar, andere wiederum stellen eine Beziehung zwischen Zwerg und Tod. In drei Zwergennamen ist auch das altnordische Wort alfr für "Alf,Elf, Elbe, Alb" enthalten und zeigt damit an, dass Zwerg und Elf offenbar miteinander verwandt sind: Alf, der Elf; Gandalf, der Zauberelf, und Windalf, der Windelf.


Der Zwerg ist tot - es lebe der Zwerg!

Den Archetyp des Zwerges wird es wahrscheinlich so lange geben, wie es Menschen gibt. Die Vorstellung über die Zwerge lebte im Christentum zunächst weiter und floss in natürlicher Weise in den Volksglauben ein. Ihre alte Funktion in der heidnischen Vorstellungswelt stellte für den christlichen Glauben offenbar keine Bedrohung dar.
Naturgemäß hatten zu allen Zeiten besonders die Bergleute eine besondere Beziehung zu den Zwergen, die sie als Schutzwesen und Berggeister verehrten. Eine neue, wichtige Bedeutung erlangten die Zwerge in den überlieferten Märchen und Volksmythologien des ausgehenden Mittelalters sowie in den Novellen und Belletristiken der deutschen Romantik. Bis heute sind die in der Volksmärchen-Sammlung der Brüder Grimm dargestellten Zwergenmotive weltweit prägend - ebenso wie die sich daraus ergebenden neuzeitlichen Rezeptionen aus dem 20. Jahrhundert, wie beispielsweise die Zeichentrickfilm-Adaption des Grimmschen Märchens Schneewittchen durch Walt Disney. 
Als Teil von Barockgärten wurden außerdem barocke Skulpturen von Zwergen in Mitteleuropa vielfach beliebt, so etwa in der Stadt Salzburg im Mirabellgarten oder im Schlosspark des hohenlohischen Weikersheim im Taubertal bei Stuttgart. Diese von echten menschlichen Hofzwergen und einem Künstler namens Jacques Callot ("Callot-Zwerge") inspirierten Parkzwerge standen im bewussten Gegensatz zu den damals so beliebten Göttern, Nymphen, Panen und Fauen. Die spätbarocken Parkzwerge können mit einem Augenzwinkern auch als Vorläufer des gemeinen, klassischen Gartenzwergs interpretiert werden - dieser übrigens fand seine Wiege (um 1870) in einem kleinen Ort im Thüringer Wald, in Gräfenroda.
Eine neue prominente Rolle erlangte auch der Zwerg Alberich aus dem Nibelungenlied, als Richard Wagner die Alberich-Figur seines berühmten "Ring des Nibelungen" schuf. Hier tritt Alberich, der Hüter des Nibelungenhorts, als tyrannischer König der Schwarzalben oder Nibelungen auf.

Tolkien lässt grüßen

In vielen modernen Fantasy-Werken spielen Zwerge eine wichtige Rolle, häufig eindeutig beeinflusst von der Konzeption der Zwerge in J.R.R. Tolkiens Werken "Der Hobbit" und "Der Herr der Ringe" und deren erfolgreichen Verfilmungen. Tatsächlich schöpfte Tolkien in seinen beiden Werken auch bei den Zwergen aus dem reichen Fundus der nordischen Mythologie. Nicht nur die Beschreibungen der Zwerge, auch viele von Tolkiens Zwergennamen stammen wie der Name Gandalf (bei Tolkien ein Zauberer) aus dem Dvergatal der Lieder-Edda (s.o.). So sind etwa die dreizehn Bilbo Beutlin begleitenden Zwerge Thorin Eichenschild, Kíli, Fíli, Óin, Glóin, Dori, Nori, Ori, Balin, Dwalin, Bifur, Bofur und Bombur eindeutig Dvergatal-Zwergen nachempfunden.
Vielleicht weil der nordisch-mythologische Ursprung des "abendländischen" Zwergs vielen Menschen nicht mehr bekannt ist, werden die Zwerge heute häufig mit andere Naturgeistern verwechselt und vermischt, die ihnen ähnlich sind, mit Gnomen, Kobolden, Bergtrollen, Wichteln oder Heinzelmännchen (tomtegubbar) - ganz sicher aber werden die geheimnisvollen kleinen Erdlinge ihren Einfluss auf uns und unsere Kunst und Kultur niemals ganz verlieren.